16. Juni 2006 Ausgabe 24/2006 zurück blättern | Kurzüberblick | Inhalt | weiter blättern
Kulturdebatten

Die "Causa Handke"

Eine Preisvergabe und ihre Folgen

SUMMA-METER
MEDIEN-ECHO
   
© Michael Reinke  

 

Seit seiner Stiftung im Jahr 1972 haben den Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf unter anderen Carl Zuckmayer, Sebastian Haffner und Walter Jens erhalten - allesamt Persönlichkeiten, die im Sinne der Vergabestatuten »durch ihr geistiges Schaffen den sozialen und politischen Fortschritt« gefördert haben. Dieses Jahr entschied sich die Jury um die Literaturkritikerin Sigrid Löffler nach zähem Ringen für Peter Handke als Preisträger. Keine schlechte Wahl, sollte man meinen, handelt es sich bei dem Österreicher doch um einen der profiliertesten Literaten deutscher Sprache. Doch dass dieser ein recht vertrautes Verhältnis zu Serbenführer Slobodan Miloševic unterhielt, ihn im Gefängnis besuchte und seiner Beerdigung beiwohnte, ließ manchen Beobachter grübeln, ob es denn ausreiche, dass ein Preisträger, so die Jury, »eigensinnig wie Heinrich Heine ... seinen Weg zu einer offenen Wahrheit« begehe und eben diese Wahrheit keiner kritischen Befragung unterzogen werden müsse.

Eine preisträchtige Posse

Nicht seine schriftstellerischen Qualitäten, sondern eben Handkes Wahrheit war Stein des Anstoßes. Ein durchaus bekannter Stein jedoch, wie Hubert Winkels (DLF) betont und sich gleichzeitig über das offensichtlich kurze öffentliche Gedächtnis wundert, das »nur noch Handkes Auftritt bei der Beerdigung des Serbenführers vor wenigen Wochen sieht und vorgibt zu staunen nach dem Motto: Wer Miloševic ehrt, ist des Heine-Preises nicht wert.« Tatsächlich ist Miloševics Rolle umstritten, er selbst im Westen »je nachdem der Grund allen Übels oder ein Mann, mit dem man ins Geschäft kommen konnte«, wie Andreas Ernst (NZZ) bemerkt. Handke hat seit 1996 in mittlerweile sechs Veröffentlichungen seine Sicht der Dinge auf dem Balkan dargelegt und lasse in diesen laut Ulrich Weinzierl (Die Welt) mehr und mehr erkennen, dass »er sich im Lauf der letzten eineinhalb Jahrzehnte in seinem Jugoslawien-Komplex bis an die Grenzen der Obsession verrannte«. Nicht als ein Verrennen, sondern quasi als Resultat eines schriftstellerischen Ethos beschreibt hingegen Martin Mosebach (Die Zeit) Handkes proserbisches Auftreten: »Für den Romancier ergibt sich daraus geradezu die Pflicht, den Fall von der anderen Seite zu betrachten.« Eine Pflicht, die Literaturnobelpreisträger Günter Grass (Die Zeit) jedoch nicht nachzuvollziehen scheint: »Ich lebe ungern damit, dass man Schriftstellern eine Art Geniebonus zuspricht, der ihnen dann erlaubt, den größten und gemeingefährlichsten Unsinn mitzumachen.« Vor allem Politiker zeigten sich empört über die mögliche Auszeichnung Handkes und sprachen - wie etwa Grünen-Chef Fritz Kuhn - von einem »Skandal« und einer »Verhöhnung der Opfer des Regimes« Miloševic. Von einem »Skandal« spricht auch Thomas Steinfeld (SZ), doch besteht dieser seiner Meinung nach vor allem darin, dass »es in Deutschland einen moralischen Konsens gibt, der sich in seiner Bereitschaft zu hemmungslosem Selbstgenuss selbst dann für unwidersprechlich hält, wenn er von den Gegenständen, über die er urteilt, viel zu wenig weiß.« Überhaupt erregt das in Düsseldorf übliche Procedere, dass nämlich ein politisches Gremium endgültig über die Vergabe des Preises zu entscheiden hat, geballten Unmut und sorgte letztlich auch für Sigrid Löfflers und Jean-Pierre Lefèbvres Rücktritt: »Einer Stadt, die unabhängige Fach-Juroren beruft und sie dann politisch desavouiert, können wir nicht mehr zur Verfügung stehen.« Nun gibt es durchaus auch Grund zur Kritik an der Jury. Paul Lendvai (Der Standard) bemerkt dann auch, dass gerade deren wenig präzise Begründung »eine Welle der Empörung in der Politik und Publizistik« ausgelöst habe. Matthias Matussek (Der Spiegel) spricht sogar davon, dass der »Fall Handke« lediglich »ein weiterer Fall in einer Reihe von Juroren-Missgriffen [sei], die ja bekanntermaßen selbst den Nobelpreis nicht auslassen.« Weit weniger gelassen zeigt sich Hubert Spiegel (FAZ): »Jede Entscheidung einer literarischen Jury ist anfechtbar ... Die Jury, die den Heine-Preis der Stadt Düsseldorf zu vergeben hatte, kann [jedoch] diese Routine nicht für sich in Anspruch nehmen. Ihre Entscheidung ... fällt nicht nur aus dem Rahmen des Üblichen, sie ist unerhört ... Niemand will den Schriftsteller Peter Handke ächten, seine Stücke sollen gespielt, seine Bücher sollen gedruckt und diskutiert werden ... Aber die Düsseldorfer Entscheidung ist verstörend in ihrer blinden Lust an der Provokation.« Weniger dramatisch urteilt Die Zeit in ihrer Onlineausgabe und spricht von einer »Farce, in der sich Beteiligte plusterten, als stünden die heiligsten Güter des Abendlandes, die Freiheit des Geistes, die Moralität von Politik und Literatur auf dem Spiel. Nichts davon. Eine Posse, nur mäßig unterhaltsam, an deren Ende nahezu alle Akteure und Kommentatoren wie die begossenen Pudel dastanden und blicklos-blöd ins Leere starrten«. »Was bleibt«, so schließt sich Gerrit Bartels (taz) an, sei »eine sowieso verfahrene Situation und ein großer Scherbenhaufen.« Aufgelöst hat diese schließlich Handke selbst, der in einem Brief nach Düsseldorf erklärte, auf den Preis zu verzichten und sein Werk »nicht wieder und wieder Pöbeleien solcher wie solcher Parteipolitiker« aussetzen zu wollen. Tatsächlich kam er damit wohl nur der Demütigung zuvor, die eine Nichtzuerkennung des Preises durch den Düsseldorfer Stadtrat zusätzlich für ihn bedeutet hätte. Und so dürfte mit dem Verzicht Handkes, der übrigens bereits im letzten Jahr verlauten ließ, »grundsätzlich« keine Preise mehr annehmen zu wollen, die Diskussion ein Ende gefunden haben. Der Preis - so der auch als Vorsitzender der Jury fungierende Düsseldorfer Oberbürgermeister Joachim Erwin - werde in diesem Jahr überhaupt nicht vergeben. Jeder, der jetzt ausgewählt werde, müsse sich wie eine zweite Wahl oder als Favorit der politischen Korrektheit vorkommen. Überhaupt steht die Zukunft des Preises infrage. »Welcher Dichter«, fragt sich Thomas Steinfeld (SZ), »wäre noch bereit, sich diesen Stadträten auszuliefern?« Ja: »der Schaden, der in diesem Jahr entstanden ist, kann nicht ersetzt werden.« Da ist es wohl nur gut, dass die »Causa Handke« von der Berliner Akademie der Künste im August öffentlich erörtert werden wird. Auf zur zweiten Runde!

sr