29. September 2006 Ausgabe 39/2006 zurück blättern | Kurzüberblick | Inhalt | weiter blättern
Architektur

Gottfried Böhms Hans-Otto-Theater in Potsdam

Theaterneubau mit Doppelgesicht

SUMMA-METER Artikel als PDF anzeigen
MEDIEN-ECHO Artikel als MP3 anhören
  stephan Gloede  
© stephan Gloede

 

Hans-Otto-Theater

Schiffbauergasse 11
D-14467 Potsdam

Website

Gebäude Hans-Otto-Theater
Architekt Gottfried Böhm

Gebäude

Ende eines Provisoriums

Ein 27 Millionen Euro teurer Neubau des renommierten Kölner Architekten Gottfried Böhm ist die neue Spielstätte des Potsdamer Hans-Otto-Theaters. Augenfälligstes Merkmal des auf einer Halbinsel im Tiefen See der Havel liegenden Baus sind die drei übereinander liegenden, weit heraus ragenden, geschwungenen Dächer in leuchtend roter Farbe. Zur Wasserseite hin bietet das Gebäude mit dem Grundriss eines Tortenstückes eine transparente Glasfassade. Zur Straße hin dominiert dagegen ein schwarz-roter Kasten, in dem Verwaltung und Bühnentechnik untergebracht sind.

Besonderheit

Fünf Premieren zu Beginn

Nach einem prominent besuchten Festakt am Eröffnungswochenende lüftete sich der erste Vorhang in dem neu errichten Theaterbau für die Uraufführung von Thorsten Beckers Historiendrama »Katte« in einer Inszenierung von Intendant Eric Laufenberg, der auch für Lessings »Nathan der Weise« verantwortlich zeichnete. Daneben wurden Adriana Altaras' und Maxim Kurotschkins Doppeldrama »Julia Timoschenko«, Frédéric Blanchettes Kammerspiel »Der Sicherheitsabstand« in einer Inszenierung von Petra Luisa Meyer und Gisbert Jäkels Fassung von Thomas Bernhards »Am Ziel« gegeben.

Kritikenspiegel

Zwittrig

Insgesamt eher positiv äußert sich das Feuilleton zu Gottfried Böhms Potsdamer Theaterbau. Dieter Salzmann (Die Welt) lobt vor allem die Funktionalität des »entfernt der Oper im australischen Sydney nachempfundenen Baus«, beklagt aber zugleich die kühle Atmosphäre etwa des Zuschauerraums, der »so gar nichts von einem plüschigen Theatersaal« habe und »eher an einen modernen Hörsaal denn an einen Kulturtempel« erinnere. Für Claudia van Laak (DLF) zerfällt der Bau »optisch in zwei Teile«: anders als die »an eine Lotusblüte« erinnernde »Dachkonstruktion aus Beton und Glas« enttäusche die Straßenansicht gänzlich: »Ein nüchterner, schwarz-rot gestreifter Kubus, der auch das Finanzamt beherbergen könnte.« Ein Eindruck, den auch Heinrich Wefing (FAZ) teilte, klebe doch das durchaus augenschmeichlerische Foyer »an dem massigen Theaterbau wie ein Brillant an einem Klumpen Blei«, der allenfalls »für ein Möbelhaus zwischen Gewerbegebiet und Autobahnanschluß ... eine erträgliche Lösung gewesen« wäre. In diesem »Paradox« jedoch machte Nikolaus Merck (FR) »eine architektonische Geste« aus: »Längst nämlich hat das Theater in Potsdam (und nicht bloß dort) seine einstmals zentrale Position verloren ... Gottfried Böhms Potsdamer Theater am See markiert keinen neuen Aufschwung, es setzt das Ausrufezeichen ans Ende einer ostdeutschen Entwicklung.« Auch Plötzlich wachsen dem strengen Kasten die kühnsten Flügel, was eben noch roter Brüstungsstreifen war, ... strebt mächtig gen Himmel ... Der Beton verliert seine Schwere, rauscht in drei weichen, hohen Wellen halb über das Theater, spottet allen Erfahrungen und Naturgesetzen. Ist ganz Spiel.«

Biografisches

Gottfried Böhm

*23.01.1920 in Offenbach/Main, ist einer der Grand Seigneurs der deutschen Nachkriegsarchitektur. Nach Abitur in Köln und Kriegsdienst studierte Böhm von 1942 bis 1947 Architektur und Bildhauerei in München. 1947 trat er in das Kölner Architekturbüro seines Vaters Dominikus Böhm ein und übernahm 1955 dessen Leitung. 1963 wurde er Professor an der Technischen Hochschule in Aachen, 1976 folgte die Ernennung zum Mitglied der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung. 1986 gewann er als bisher einziger Deutscher den begehrten Pritzker-Preis. In der Nachfolge seines Vaters baute Böhm zunächst zahlreiche Kirchen vor allem im Rheinland. Zudem entwarf er 1996 die Philharmonie in Luxemburg, leitete 1997 die Neugestaltung des Bahnhofsplatzes in Aachen und organisierte 2000 den Umbau des Denkmals für den italienischen König Vittorio Emanuele II in Rom. Zur Zeit ehrt ihn das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt/Main mit der Retroskektive »Felsen aus Beton und Glas«.

Weitere Informationen

Für Schauspieler, Regisseure und das Potsdamer Theaterpublikum ist mit Eröffnung des Neubaus ein seit 61 Jahren andauerndes Provisorium beendet. In den letzten Weltkriegswochen im April 1945 was das alte Theater am Kanal während eines Luftangriffes zerstört worden. Das Ensemble zog danach in ein Tanzlokal, ab 1992 wurde eine eigens errichtete und »Blechdose« genannte Leichtbauhalle am Bahnhof bespielt. Diese soll jetzt abgebaut und nach Zagreb verkauft werden. Mit dem Neubau möchte das Theater auch an seinen Namensgeber erinnern, den wegen seiner Mitgliedschaft in der KPD von den Nationalsozialisten ermordeten Schauspieler Hans Otto (1900-1933).

sr