15. September 2006 Ausgabe 37/2006 zurück blättern | Kurzüberblick | Inhalt | weiter blättern
Literatur

Hartmut Böhme »Fetischismus und Kultur«

Profunde Analyse einer unaufgeklärten Gegenwart

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Titel Fetischismus und Kultur
Autor Hartmut Böhme
Genre Sachbuch
Verlag Rowohlt Taschenbuch
Seiten 576 Seiten
ISBN 3-499-55677-4
Preis 16,90 Euro

Inhalt

Moderne Fetische

Als eine »andere Theorie der Moderne« bezeichnet Hartmut Böhme seine profunde Studie »Fetischismus und Kultur« und rekonstruiert die mentalen, wissenschaftshistorischen und künstlerischen Prozesse, durch welche der Fetischismus zu einer zentralen Kategorie der Selbstbeschreibung europäischer Kultur wurde. Seine Beispiele reichen von Karl Marx' Waren-Fetischismus über die Psychoanalyse, in der Fetischismus zu einem Konzept zur Bestimmung des modernen Subjekts wird, bis zu den politischen Fetischformen des Stalinismus und des Faschismus sowie zu populären Kultformen der Gegenwart.

Besonderheit

Vermeintliche Aufklärung

Der Soziologe Max Weber hat bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Ansicht vertreten, dass die fortschreitende Intellektualisierung der Welt auch deren »Entzauberung« zur Folge habe. Gegen diesen dogmatischen Glauben an die Kraft der Aufklärung wendet sich Böhme und weist nach, dass Wissenschaft und Fortschritt die Entstehung und Verbreitung von fetischistischen Vorstellungen eher befördert haben und diese als »sozialer Klebstoff« für den Zusammenhalt moderner Gesellschaften unabdingbar sind. Sein Fazit: »Die Moderne ist viel weniger aufgeklärt, als sie dies von sich annimmt.«

Kritikenspiegel

Eine neue Wissenschaft

Ausgesprochen angetan ist das Feuilleton von Hartmut Böhmes kulturwissenschaftlicher Analyse. Thomas Assheuer (Die Zeit) spricht von einer »glänzenden Studie«, die »aus dem aufgeblasenen Selbstbewusstsein der Moderne«, dass »die Dunkelzonen des Aberglaubens … wie Schnee in der Sonne« dahin schmelzen und lediglich noch »afrikanische Medizinmänner … ihre Fußballmannschaften mit Amuletten auf Trab« bringen würden, förmlich »die Luft herausgelassen« habe. »Ganz nebenbei« habe Böhme »ein Stück brillanter Wissenschaftsprosa« produziert, das »eine derart magische Wirkung entfaltet«, dass es »gewiss [selbst] bald Kult« werden wird. Auch Ralf Konersmann (NZZ) äußert sich begeistert: »Solide Kennerschaft, gekonntes Arrangement und stilistische Eleganz machen dieses Werk zu einem wissenschaftlichen Ereignis, das für künftige Analysen der kulturellen Wirklichkeit in postindustriellen Gesellschaften Massstäbe setzt. Hartmut Böhmes 'Fetischismus und Kultur' ist ein Wurf - eines dieser klugen und klärend wirkenden Bücher, die einem nicht alle Tage unterkommen.« Es ist - so Klaus Englert (DLF) - »eine anspruchsvolle systematische und historische Abhandlung zum Fetischismus«, die diesen aus der »Schmuddelecke unseres aufgeklärten Zeitalters« herausholen möchte und als Chance einer anderen Moderne zu definieren versucht. Gerade darin liegt laut Thomas Steinfeld (SZ) das besondere Verdienst »dieses singulären Werkes«. Als eine »große Monographie«, die ihren Reiz nicht zuletzt aus dem »stupenden Wissen« und dem angenehm unprätentiösen Darstellungsstil Böhmes ziehe, sei dessen Analyse »die Programmschrift einer neuen Disziplin«: »der Wissenschaft vom Fetisch« und der »Wissenschaft vom Irrtum, wir lebten in aufgeklärten Zeiten«.

Biografisches

Hartmut Böhme

*1944 in Beeskow/Spree, ist Professor für Kulturtheorie und Mentalitätsgeschichte sowie Direktor des Instituts für Kulturwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin und einer der wichtigsten Kenner der Natur- und Technikgeschichte in den Überschneidungsfeldern von Philosophie, Kunst und Anthropologie. Nach dem Abitur in Bonn studierte Böhme von 1963 bis 1969 Germanistik, Philosophie, Theologie und Pädagogik in Bonn und Hamburg. 1973 promovierte er an der Universität Hamburg und erhielt dort 1977 eine Professur für Neuere Deutsche Literatur. 1989 habilitierte er sich an der Universität Bremen und wurde im folgenden Jahr Mitarbeiter am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen. Seit 1993 ist er Professor an der Berliner Humboldt-Universität. Gastprofessuren führten ihn nach Japan und in die USA. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in den Bereichen Kulturgeschichte seit der Antike, Kulturtheorie, Literaturgeschichte des 18. bis 20. Jahrhunderts sowie in der Historischen Anthropologie.

Ähnliche Werke

Ein besonderer Schwerpunkt der Arbeit Hartmut Böhmes liegt in der Erforschung des Verhältnisses des Menschen zur Natur. In diesem Zusammenhang entstanden zum Beispiel seine »Kulturgeschichte des Wassers« (1988) sowie »Feuer Wasser Erde Luft. Kulturgeschichte der Naturwahrnehmung in den Elementen« (1996). Im Bereich der Literaturwissenschaft machte er sich unter anderem als Leiter der Hans Henny Jahnn-Werkedition einen Namen. Er ist zudem Verfasser einschlägiger Grundlagenwerke zur Kulturwissenschaft.

sr