18. August 2006 Ausgabe 33/2006 zurück blättern | Kurzüberblick | Inhalt | weiter blättern
Kulturdebatten

Günter Grass und die Waffen-SS

Spätes Geständnis des Literaturnobelpreisträgers

SUMMA-METER
MEDIEN-ECHO
   
© Michael Reinke  

 

Es ist ein regelrechter Paukenschlag: Günter Grass, Literaturnobelpreisträger und moralisches Gewissen der Nation, war als Jugendlicher Mitglied der Waffen-SS. In einem Interview mit der FAZ äußerte sich der Schriftsteller erstmals über seine Verstrickung in den Nationalsozialismus. Ausführlich berichtet er über seinen jugendlichen Kriegseinsatz in seinem am 1. September erscheinenden Erinnerungsbuch »Beim Häuten der Zwiebel«. Freiwillig habe er sich zu einer U-Boot-Truppe gemeldet, war dort nicht genommen worden und gelangte auf einigen Umwegen zur Waffen-SS, der er wenige Monate diente - nach eigenen Angaben ohne auch nur einen einzigen Schuss abgegeben zu haben. Trotzdem: Verwunderung allerorten - nicht über die Mitgliedschaft selbst, sondern darüber, dass er, der kaum eine Gelegenheit ausgelassen hat, Schweigen und Verschweigen über die Vergangenheit als eine Form der Schuld zu brandmarken, selbst 60 Jahre geschwiegen hat.

Das Ende einer moralischen Instanz?

Recht einig sind sich Kommentatoren wie Schriftstellerkollegen, dass Günter Grass mit seinem Geständnis vor allem zu spät an die Öffentlichkeit trete; sie unterscheiden sich aber in der Einschätzung, inwieweit sich dies auf Grass' Renommee als politischer Mahner auswirken wird. Der Historiker Joachim Fest zeigt sich empört über das späte Geständnis und stellt die zukünftige moralische Integrität des Nobelpreisträgers infrage, der sich lange Zeit »recht oft recht selbstgefällig als moralische Instanz des Landes inszeniert hat«. Für seinen Kollegen Hans-Ulrich Wehler (FAZ) habe Grass' Glaubwürdigkeit zwar nicht gelitten, dennoch sei »ein politisches Versagen« des als »eine Art Präceptor Germaniae« auftretenden Literaten nicht zu verkennen. »Durch sein beharrliches Schweigen«, so der Historiker Michael Wolffsohn (Netzeitung), werde sein »moralisierendes ... Lebenswerk entwertet.« Gerade weil sich Grass laut Robert Leicht (Die Zeit) bis dato durch eine »penetrante Selbstgerechtigkeit« zu profilieren versucht habe, gerate »der politisierende Literat« mit seiner »nicht selten plump moralisierenden Grobschlächtigkeit« nun in Bedrängnis. Dabei sei nicht der Umstand der SS-Mitgliedschaft das eigentliche Problem, sondern vielmehr sein später Umgang mit dieser Tatsache: »Es geht in diesem Falle nicht so sehr um die Vergangenheit als solche, als vielmehr um die Wahrhaftigkeit des Redens in der Gegenwart ... Moralische Fragen sind einfach viel komplizierter, als dass man sie mit dem Holzhammer behandeln dürfte. Mit dem haut man sich nämlich nur zu oft auf die eigenen Finger.« Frank Schirrmacher (FAZ) beklagt die späte Wahrheit des Autors, »der allen die Zunge lösen wollte, der das Verschweigen und Verdrängen der alten Bundesrepublik zum Lebensthema machte.« Das lange Schweigen sei umso tragischer, da - so Gustav Seibt (SZ) - sich »die materielle Schuld des jungen Grass … bei Betrachtung der von ihm mitgeteilten Tatsachen auf nahezu null« minimiere. Und dennoch: »Was immer die Motive von Grass' langem Schweigen gewesen sein mögen - fraglos Scham, vielleicht aber doch auch die Unlust, als öffentliche Person allzu früh in eine moralische Grauzone zu geraten -, der Stachel dürfte auch sein Produktives gehabt haben ... Die Zweifel, die moralischen Grautöne, die ethischen Unentscheidbarkeiten prägen Grass' literarische Substanz ebenso, wie sie seine Neigung zum politischen Schwarzweiß häufig vermissen lässt.« Zustimmend bemerkt Eckhard Fuhr (Die Welt) die Möglichkeit eines neuen Blicks auf das literarische Werk: »Die Rhetorik des politischen Moralisten wirkt im Lichte seines Bekenntnisses jetzt schal. Die abgründigen Charaktere seines literarischen Universums aber gewinnen an innerer Wahrhaftigkeit.« Eine solche hätte Grass jedoch durch ein früheres Bekenntnis auch als moralisch-politischer Kommentator gewinnen können, hätte dies doch allein bedeutet, »dass er nichts ausgelassen hat, nicht nur bei den Chancen, sondern auch bei den Versuchungen seiner Generation.« Tatsächlich glaubt kaum ein Kommentator, dass man Grass einen Strick aus seiner Mitgliedschaft gedreht hätte. Dennoch gibt der Schriftsteller Martin Walser (Stuttgarter Zeitung) zu bedenken, dass ein 60-jähriges Schweigen »des Mündigsten aller Zeitgenossen … ein vernichtendes Licht auf unser Bewältigungsklima mit seinem normierten Denk- und Sprachgebrauch« werfe. In jedem Fall, so Hellmuth Karasek (Die Welt), hätte Grass wohl mit einem früheren Geständnis seinen Nobelpreis gefährdet, weil auch dieser »mit einer moralisch-politischen Goldwaage austariert« werde. Sieht er also das Schweigen einem gewissen Kalkül geschuldet, macht der Schriftsteller Klaus Theweleit auch in dem jetzigen Geständnis »die Reklameaktion eines Publicity-Süchtigen« aus - eine Sichtweise, die ebenso der Zentralrat der Juden in Deutschland teilt. Auch Hajo Steinert (DLF) sieht das »herausposaunte Bekenntnis« als »Teil einer Marketingstrategie«: »Immer wenn ein neues Buch von Grass auf den Markt kam, gab es kurz vor Erscheinen ein strategisch scharf inszeniertes Medienspektakel, eine Begleitmusik, die an Lautstärke dem eigentlichen, durchaus nicht immer glanzvollen literarischen Ereignis ... weit überlegen war.« Der Schriftsteller Wilhelm von Sternburg (FR) äußert sich in diesem Zusammenhang traurig, »dass Günter Grass ... einen Zeitpunkt wählt, der ihn nicht ehrt ... und dem Bekenner viel an Glaubwürdigkeit« nehme. In diesem Sinne schreibt auch Roman Bucheli (NZZ): »Das lange Schweigen und die inszenierte Form des Bekenntnisses lassen ... manche polemische Intervention noch nachträglich fragwürdig erscheinen.« Bei aller Erregung mahnt Stefan Reinecke (taz) aber auch zur Besonnenheit: »Dass ausgerechnet Grass, dessen moralische Selbstgewissheit oft marmorn wirkt, nun von moralisch Selbstgewissen verurteilt wird, ist eine Pointe, keine Tragödie.« Auch wenn »das Ende seiner Dienstzeit als moralischer Instanz« laut Tilman Krause (Die Welt) nun gekommen sei: »Die Minderheit, die ihn nie dafür gehalten hat, wird sagen: 'Kein Wunder'. Die große Mehrheit der anderen aber wird sich in ihm wiedererkennen - und sich nur noch fester um ihn sammeln.«

sr