3. März 2006 Ausgabe 09/2006 zurück blättern | Kurzüberblick | Inhalt | weiter blättern
Kulturdebatten

Angriff auf einen Kritiker

Der Fall Stadelmaier und die Folgen

SUMMA-METER
MEDIEN-ECHO
   
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Ein Abend in der Schmidtstraße 12, der Nebenspielstätte des Schauspiels Frankfurt; Eugène Ionescos »Das große Massakerspiel« in einer Inszenierung von Sebastian Hartmann. Im Zuschauerraum Gerhard Stadelmaier, seines Zeichens Chefkritiker der FAZ. Als ihm ein Schwan in den Schoß fiel, den unmittelbar zuvor eine der Darstellerinnen auf offener Bühne gebar, verweigerte Stadelmaier als erklärter Gegner des Mitmachtheaters die erwartete Teilnahme. Dass ihm daraufhin Thomas Lawinky - ein offenbar übereifriger Mime - den Notizblock entriss und ihn mit den Worten »Hau ab, du Arsch, verpiss dich!« regelrecht des Saales verwies, verletzte und erzürnte den Kritiker derart, dass er sich zu einem publizistischen Gegenschlag auf der Titelseite seiner Zeitung genötigt sah. Lawinky kam der unvermeidlichen Kündigung durch Auflösung seines Vertrages zuvor, und die deutsche Theaterszene diskutiert nun einmal mehr, wie es um sie eigentlich bestellt ist.

Die Rolle eines Kritikers

Gerhard Stadelmaier ist promovierter Germanist, seit 1989 federführender Redakteur für die Theatersparte der FAZ, seit 2003 zudem Professor für Theaterkritik an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main und in seinem Fach durchaus nicht unumstritten. Dank des ihm eigenen Rezensionsstils gilt er laut Wolfgang Höbel (Spiegel online) als »der böseste unter Deutschlands Theaterkritikern«. Er ist - so Peter Kümmel (Die Zeit) - »als Kritiker kein Vermittler, sondern durchaus ein Mann der verbrannten Erde. Es soll kein Gras mehr wachsen dort, wo seines Erachtens Unfug keimte... Er ist der Meister des neunschwänzigen Verrisses (von zehn Theaterkritiken Stadelmaiers ist in der Regel eine kein Verriss)... Eigentlich wundert man sich, dass Stadelmaier seine ungeheure Sprachkraft dem deutschen Theater widmet, welches er als eine großenteils verhunzte Einrichtung längst entlarvt hat, eine unter die Sudelbuben, Fäkalautisten, Idioten gefallene Kunst.« Gerade Vertreter der Theaterkunst scheinen nun - nach dem Übergriff Lawinkys, den Stadelmaier als Kränkung seiner bürgerlichen Ehre und Angriff auf die Pressefreiheit empfand - Genugtuung zu verspüren: Christoph Schlingensief etwa zielt in der taz auf ein gewisses Selbstverschulden des Kritikers ab: »Stadelmaier legt da eine gewisse Drogensucht an den Tag: Er muss immer hingehen, obwohl er weiß, dass es nichts für ihn ist.« Der Hamburger Thalia-Intendant Ulrich Khuon weist in der FR darauf hin, dass jemand, der beim Austeilen »extrem drastische und verletzende Worte wählt«, durchaus auch Nehmerqualitäten besitzen sollte. Claus Peymann, Chef des Berliner Ensembles, hält Stadelmaier für einen »selbstherrlichen Theaterverletzer und -kaputtschreiber« und bot Lawinky sogleich »theatralisches Asyl« an, seien doch an seinem Haus die »Haupttugenden des Theaters«, zu denen auch »Ironie, Publikums-, Kritiker- und Selbstbeschimpfung« gehörten, ausdrücklich erwünscht. Doch auch manch einer von Stadelmaiers Kritikerkollegen zeigt wenig Verständnis für dessen Reaktionen. Ronald Pohl (Der Standard) verspürt schon bei der »bloßen Nacherzählung des Vorfalls ... ein gerütteltes Maß an Peinlichkeit«. Peter Michalzik (FR) betont, dass Lawinkys Aktion nicht mehr als »eine ärgerliche und blöde Kinderei war«. Mache die Melodramatik der Darstellung Stadelmaiers lediglich »traurig ob ihrer Peinlichkeit«, sei die Intervention der Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth, die recht unverblümt die Entlassung Lawinkys gefordert hatte, regelrecht bedenklich: »Man reibt sich die Augen, sieht bestürzt auf die Liebdienerei von höchster Stelle, und fragt sich verwundert, welche Form von Druck die FAZ auf die Oberbürgermeisterin ausgeübt hat.« Der Regisseur Nicolas Stegmann äußert in der SZ sein Unbehagen darüber, »welche Macht ein einzelner Kritiker in einer Stadt wie Frankfurt hat« und »wie schnell und widerspruchslos sich die Leitung des Theaters sowie die Regierung der Stadt mit der subjektiven Gefühlswelt eines einzelnen Kritikers synchronisieren, anstatt zunächst einmal ihre Künstler zu verteidigen und zu stützen«. Insgesamt hat er aber den »Eindruck, die beteiligten Akteure spielten in absurder Verdrehung den Karikaturenstreit nach«. Verständnis für Stadelmaier zeigt unter anderem Hellmuth Karasek und zollt ihm in Der Welt seinen Dank: »Seit ich nicht mehr ... beruflich gezwungen bin, alle Verirrungen und Belästigungen des deutschen zeitgenössischen Theaters am eigenen Leib sehenden Auges und hörenden Ohres zu erdulden, weiß ich mich bei Stadelmaiers Rezensionen bestens aufgehoben.« Als ästhetisch Gleichgesinnter kann er nicht verstehen, wie Teile der Theateröffentlichkeit mit Stadelmaiers vermeintlicher Dünnhäutigkeit und Humorlosigkeit ins Gericht gehen: »Ich bin froh, daß Stadelmaier angesichts dieses rüden pöbeligen Zwischenfalls sich nicht zu dem Humor gezwungen hat, den die Attacke auf seine Kosten provozieren wollte. Er hat die heuchlerisch sadistischen Erwartungen des politisch korrekten 'Theatervölkchens' nicht erfüllt.« Wolfgang Höbel (Spiegel online) versucht dagegen, zwischen den Fronten zu vermitteln: Natürlich handele es sich bei Lawinkys Verhalten um eine »Entgleisung«, die »jeden gesitteten Menschen ... empören« muss. Die Pressefreiheit jedoch gefährde sie nicht. Vielmehr zeige die Affäre, »wie aus schlechtem Benehmen und verblüffender Dünnhäutigkeit ein veritabler Skandal werden kann«. Gerade den deutlichen Humorverlust Stadelmaiers empfindet er als »das Erschütterndste an der Frankfurter Affäre«. Ähnlich Christopher Schmidt (SZ): Auch er mahnt zur Einhaltung der Verhältnismäßigkeit. Man dürfe Lawinky nicht zu einem »Märtyrer der Kunstfreiheit« stilisieren, denn es »sollte unstrittig sein, dass nicht Stadelmaier, sondern Lawinky dem Theater erheblichen Schaden zugefügt hat... Dass ein Kritiker seine persönliche Kränkung dergestalt in die Öffentlichkeit trägt, ... verschleiert den banalen Sachverhalt, dass hier bei einer entgleisten Theaterpremiere eine Privatperson von einer anderen beleidigt wurde.«

sr