Ein Abend in der Schmidtstraße
12, der Nebenspielstätte des Schauspiels Frankfurt; Eugène
Ionescos »Das große Massakerspiel« in einer Inszenierung
von Sebastian Hartmann. Im Zuschauerraum Gerhard Stadelmaier, seines
Zeichens Chefkritiker der FAZ. Als ihm ein Schwan in den Schoß
fiel, den unmittelbar zuvor eine der Darstellerinnen auf
offener Bühne gebar, verweigerte Stadelmaier als
erklärter Gegner des Mitmachtheaters die erwartete Teilnahme.
Dass ihm daraufhin Thomas Lawinky - ein offenbar übereifriger
Mime - den Notizblock entriss und ihn mit den Worten »Hau ab, du
Arsch, verpiss dich!« regelrecht des Saales verwies, verletzte und
erzürnte den Kritiker derart, dass er sich zu einem
publizistischen Gegenschlag auf der Titelseite seiner Zeitung
genötigt sah. Lawinky kam der unvermeidlichen Kündigung
durch Auflösung seines Vertrages zuvor, und die deutsche
Theaterszene diskutiert nun einmal mehr, wie es um sie eigentlich
bestellt ist.
Die Rolle eines Kritikers
Gerhard Stadelmaier ist promovierter
Germanist, seit 1989 federführender Redakteur für die Theatersparte der
FAZ, seit 2003 zudem Professor für Theaterkritik an der
Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main
und in seinem Fach durchaus nicht unumstritten. Dank des ihm eigenen Rezensionsstils gilt er laut Wolfgang Höbel (
Spiegel
online) als »der böseste unter Deutschlands Theaterkritikern«.
Er ist - so Peter Kümmel (
Die Zeit) - »als Kritiker kein
Vermittler, sondern durchaus ein Mann der verbrannten Erde. Es soll
kein Gras mehr wachsen dort, wo seines Erachtens Unfug keimte... Er
ist der Meister des neunschwänzigen Verrisses (von zehn
Theaterkritiken Stadelmaiers ist in der Regel eine kein Verriss)...
Eigentlich wundert man sich, dass Stadelmaier seine ungeheure
Sprachkraft dem deutschen Theater widmet, welches er als eine
großenteils verhunzte Einrichtung längst entlarvt hat,
eine unter die Sudelbuben, Fäkalautisten, Idioten gefallene
Kunst.« Gerade Vertreter der Theaterkunst scheinen nun - nach dem Übergriff Lawinkys, den
Stadelmaier als Kränkung seiner bürgerlichen Ehre und
Angriff auf die Pressefreiheit empfand - Genugtuung zu verspüren: Christoph Schlingensief etwa zielt in
der
taz auf ein gewisses Selbstverschulden des Kritikers ab:
»Stadelmaier legt da eine gewisse Drogensucht an den Tag: Er muss
immer hingehen, obwohl er weiß, dass es nichts für ihn
ist.« Der Hamburger Thalia-Intendant
Ulrich Khuon weist in der FR darauf hin, dass jemand, der beim
Austeilen »extrem drastische und verletzende Worte wählt«,
durchaus auch Nehmerqualitäten besitzen sollte. Claus Peymann,
Chef des Berliner Ensembles, hält Stadelmaier für einen
»selbstherrlichen Theaterverletzer und -kaputtschreiber« und bot
Lawinky sogleich »theatralisches Asyl« an, seien doch an seinem
Haus die »Haupttugenden des Theaters«, zu denen auch »Ironie,
Publikums-, Kritiker- und Selbstbeschimpfung« gehörten,
ausdrücklich erwünscht. Doch auch manch einer von Stadelmaiers
Kritikerkollegen zeigt wenig Verständnis für dessen
Reaktionen. Ronald Pohl (
Der Standard) verspürt schon bei der
»bloßen Nacherzählung des Vorfalls ... ein gerütteltes
Maß an Peinlichkeit«. Peter Michalzik (
FR) betont, dass
Lawinkys Aktion nicht mehr als »eine ärgerliche und blöde
Kinderei war«. Mache die Melodramatik der Darstellung Stadelmaiers
lediglich »traurig ob ihrer Peinlichkeit«, sei die Intervention der
Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth, die recht unverblümt
die Entlassung Lawinkys gefordert hatte, regelrecht bedenklich: »Man
reibt sich die Augen, sieht bestürzt auf die Liebdienerei von
höchster Stelle, und fragt sich verwundert, welche Form von
Druck die FAZ auf die Oberbürgermeisterin ausgeübt hat.«
Der Regisseur Nicolas Stegmann äußert in der SZ sein
Unbehagen darüber, »welche Macht ein einzelner Kritiker in
einer Stadt wie Frankfurt hat« und »wie schnell und
widerspruchslos sich die Leitung des Theaters sowie die Regierung der
Stadt mit der subjektiven Gefühlswelt eines einzelnen Kritikers
synchronisieren, anstatt zunächst einmal ihre Künstler zu
verteidigen und zu stützen«. Insgesamt hat er aber den
»Eindruck, die beteiligten Akteure spielten in absurder Verdrehung
den Karikaturenstreit nach«. Verständnis für Stadelmaier
zeigt unter anderem Hellmuth Karasek und zollt ihm in
Der Welt seinen Dank: »Seit ich nicht mehr ... beruflich gezwungen bin,
alle Verirrungen und Belästigungen des deutschen
zeitgenössischen Theaters am eigenen Leib sehenden Auges und
hörenden Ohres zu erdulden, weiß ich mich bei Stadelmaiers
Rezensionen bestens aufgehoben.« Als ästhetisch Gleichgesinnter
kann er nicht verstehen, wie Teile der Theateröffentlichkeit
mit Stadelmaiers vermeintlicher Dünnhäutigkeit und
Humorlosigkeit ins Gericht gehen: »Ich bin froh, daß
Stadelmaier angesichts dieses rüden pöbeligen Zwischenfalls
sich nicht zu dem Humor gezwungen hat, den die Attacke auf seine
Kosten provozieren wollte. Er hat die heuchlerisch sadistischen
Erwartungen des politisch korrekten 'Theatervölkchens' nicht
erfüllt.« Wolfgang Höbel (
Spiegel online) versucht dagegen, zwischen den Fronten zu vermitteln: Natürlich
handele es sich bei Lawinkys Verhalten um eine »Entgleisung«, die
»jeden gesitteten Menschen ... empören« muss. Die
Pressefreiheit jedoch gefährde sie nicht. Vielmehr zeige die
Affäre, »wie aus schlechtem Benehmen und verblüffender
Dünnhäutigkeit ein veritabler Skandal werden kann«.
Gerade den deutlichen Humorverlust Stadelmaiers
empfindet er als »das
Erschütterndste an der Frankfurter Affäre«. Ähnlich Christopher Schmidt (
SZ): Auch er mahnt zur Einhaltung der
Verhältnismäßigkeit. Man dürfe Lawinky nicht zu
einem »Märtyrer der Kunstfreiheit« stilisieren, denn es
»sollte unstrittig sein, dass nicht Stadelmaier, sondern Lawinky
dem Theater erheblichen Schaden zugefügt hat... Dass ein
Kritiker seine persönliche Kränkung dergestalt in die
Öffentlichkeit trägt, ... verschleiert den banalen
Sachverhalt, dass hier bei einer entgleisten Theaterpremiere eine
Privatperson von einer anderen beleidigt wurde.«
sr