Es rumort in der
arabischen Welt. Westliche Flaggen werden öffentlich verbrannt,
Terroranschläge angekündigt, Demonstrationen organisiert,
antiwestliche Parolen verstärkt verbreitet, Botschaften
attackiert und in Brand gesteckt. Ein wahrer Kulturkampf scheint im
Gange, entzündet an zwölf Karikaturen der dänischen
Tageszeitung »Jyllands-Posten«, die unter anderem den Propheten
Mohammed zeigen. Prekär schon deshalb, weil bildliche
Darstellungen des Religionsstifters in islamischen Ländern per se
nicht gestattet sind. Doppelt prekär, weil sie ihn in einer Pose
zeigen, die dazu angetan zu sein scheint, die religiösen Gefühle
der Gläubigen zu verletzen. Zahlreiche Nachdrucke in weiteren
westlichen Zeitungen folgten unter Berufung auf die Meinungs-
und Pressefreiheit. Doch beinhaltet diese auch das Recht,
religiöse Empfindungen anderer Menschen zu verletzen? Umfasst
sie gar das Recht auf Blasphemie?
Grenzenlose Pressefreiheit?
Roger Köppel (Die Welt) empfindet
es - stellvertretend für viele seiner Kollegen - als gleichsam
»grotesk ... , dass man sich in Gefahr bringt, wenn man für
die Kernbestände unserer Kultur eintritt: das Recht auf freie
Meinungsäußerung«, zu dem selbstredend auch »das Recht
zur Blasphemie« gehöre. Bascha Mika (
taz) sieht in dem
Vorgehen der »Jyllands-Posten« zwar »ein Statement der
Mehrheitsgesellschaft gegenüber der muslimischen Minderheit im
Land, das durchaus rassistisch zu interpretieren ist«, bemerkt aber
zugleich: »Wo Meinungs-, Presse- und Kunstfreiheit herrscht, ist
nichts und niemand vor Satire sicher. Anstand und Respekt vor
anderen Kulturen bedeutet nicht, ... deren religiöse Dogmen zu
übernehmen.« Ähnlich argumentiert Bernd Graff (
SZ): »Es
mag angehen, dass eine Glaubensgemeinschaft ein Bilderverbot
verhängt, und man muss dieser Glaubensgemeinschaft mit allem
Nachdruck das Recht zubilligen, dann auch zutiefst verletzt zu sein,
wenn ihr Bilderverbot missachtet wird. Dennoch wird man ein solches
religiös verhängtes Bilderverbot nicht dann auch allen
Teilen der Welt sofort aufzwingen können.« Gerade diesen
Versuch des Zwangs kritisiert Henryk M. Broder (
Spiegel online)
ebenso wie die seiner Meinung nach vollkommen überzogene
Reaktion der arabischen Welt. Diese erwecke den Anschein, »als wäre
in einem Vorort von Kopenhagen ein zweites Abu Ghureib entdeckt
worden«, und führe dazu, dass aus Angst, »dadurch einen Boykott auszulösen und
den Absatz von Haribo-Gummibärchen und Melitta-Kaffeefiltern in
Arabien zu gefährden«, kaum jemand wage, auf dem
demokratischen Grundrecht der Pressefreiheit zu beharren. Dass das
Einlenken der dänischen Regierung letztlich nur aufgrund des
Drucks arabischer Staaten und nicht bereits als Folge der nationalen Proteste geschah, kommt für Jörg Lau
(
Die Zeit) einem »diplomatischen Desaster« gleich, denn nun
»dürfen sich ausgerechnet Staaten wie Saudi-Arabien, Ägypten
und Syrien - die selbst die Meinungsfreiheit unterdrücken - als
Anwälte europäischer Muslime gerieren«. Dass diese sich
durch die Darstellung Mohammeds verletzt fühlen, sei zwar
grundsätzlich nachvollziehbar, doch - so Christian Geyer (FAZ) -
»religiöse Fundamentalisten, die die Unterscheidung zwischen
Satire und Gotteslästerung nicht respektieren, haben nicht nur
mit Dänemark ein Problem, sondern mit der gesamten westlichen
Welt ... Die Gläubigen des Propheten haben ein ganz einfaches
Mittel, auf die Agenda der westlichen Karikaturisten Einfluß zu
nehmen. Sie brauchen nur der Gewalt abzuschwören, die sie jetzt
noch als einen religiösen Imperativ ausgeben.« Um die
Aufdeckung dieses Umstands geht es den Karikaturisten laut NZZ nämlich:
»Man beleidigt keinen Muslim, wenn man der Frage nachgeht, mit
welcher Stichhaltigkeit die Kaida ihren Terror mit Versatzstücken
aus der muslimischen Tradition rechtfertigt ... Politische Klugheit
hätte es [jedoch] geboten, die westliche Sicht auf Mohammed in
ernsthafterer Form zu behandeln und - um der Wahrung des
Religionsfriedens willen - auf Leichtfertigkeit zu verzichten.«
Nicht nur Leichtfertigkeit, sondern eine gezielte Kampagne der in
seinen Augen rechtsreaktionären »Jyllands-Posten« vermutet
Reinhard Wolff (
taz), könne sich diese doch durch ihr Vorgehen »als
vermeintliche Speerspitze der Pressefreiheit profilieren und die
Proteste, die so erwartbar waren wie das 'Allah ist groß'
in der Moschee, dann schnurstracks zu einem Angriff auf die
Meinungsfreiheit umdeuten«. Da diese jedoch in
ihrer Schärfe vollkommen überzogen seien, lassen sie »einer
westlichen Öffentlichkeit nur die Wahl, im Zweifel für die
Pressefreiheit einzutreten. Auch wenn dies angesichts der
unappetitlichen Karikaturen schwer fällt.« Kritisch äußert
sich auch Bernd Graff (
SZ) zu deren künstlerischen Qualität:
»Es sind schlechte Karikaturen ... auf dem Niveau von
ambitionierten Schülerzeitungen.« Daher sei es umso
erstaunlicher, dass Teile der arabischen Welt »in dem nach wie vor
belanglosen Bilder-Geschmiere gleich die Erklärung eines
Kulturkrieges wahrgenommen haben wollten«. Die scheinbare Willkür
der Protestanlässe erinnert Burkhard Müller-Ulrich (
Deutschlandfunk) an
die Zeit vor nunmehr 17 Jahren: Da »befahl ein iranischer Ayatollah
den Muslimen aller Welt, den englischen Schriftsteller
Salman Rushdie
zu töten, weil er ein lustiges Buch geschrieben hatte, in dem
auch der Prophet Mohammed sanft verspottet wurde ... Jetzt ... sind
es just jene zwölf Zeichnungen, die genauso wie einst Rushdies
Roman als Anlass für eine Strategie globaler Eskalation dienen
... Denn hinter der scheinbaren Verrücktheit der arabischen
Empörung ... steckt eine gigantische Propaganda-Maschine ... Die
relative Beliebigkeit der Anlässe zeigt eben gerade, dass es den
Islamisten einzig darum geht, den Kulturkampf auf die Spitze zu
treiben ... Jetzt zielt der Druck auf die universelle Geltendmachung
islamischer Werte und Regeln.« Vor allem wenn man sich vor Augen führe, dass etwa nach Meinung der panarabischen Zeitung
Al-Sharq Al-Awsat die Angriffe auf den Islam »
ein so gefährliches
Ausmaß erreicht [hätten], dass sie im Rahmen des internationalen Rechts behandelt
werden müssen", wird deutlich, was Bernd Graff (
SZ) mit einem »Kulturkrieg« meint, der »unter der
Grasnarbe ausgetragen« wird: »eine[r] gut geölte[n]
Entrüstungsmaschine, deren Einheizer nur auf geeignete Anlässe
zu warten scheinen, um immer gleich mit aller Protesterregung
reagieren zu können« stehen vollkommen »miserable Karikaturen« gegenüber: »Man fühlt sich an die Mär von
den '99 Luftballons' erinnert. Nichtiger Anlass - große
Wirkung. Es gilt also, zivilsationsempathisch abzurüsten. Auf
beiden Seiten.«
sr