10. Februar 2006 Ausgabe 06/2006 zurück blättern | Kurzüberblick | Inhalt | weiter blättern
Kulturdebatten

Beim Bilde des Propheten

Zwölf dänische Karikaturen und der "Clash of Civilizations"

SUMMA-METER
MEDIEN-ECHO
   
© Michael Reinke  

 

Es rumort in der arabischen Welt. Westliche Flaggen werden öffentlich verbrannt, Terroranschläge angekündigt, Demonstrationen organisiert, antiwestliche Parolen verstärkt verbreitet, Botschaften attackiert und in Brand gesteckt. Ein wahrer Kulturkampf scheint im Gange, entzündet an zwölf Karikaturen der dänischen Tageszeitung »Jyllands-Posten«, die unter anderem den Propheten Mohammed zeigen. Prekär schon deshalb, weil bildliche Darstellungen des Religionsstifters in islamischen Ländern per se nicht gestattet sind. Doppelt prekär, weil sie ihn in einer Pose zeigen, die dazu angetan zu sein scheint, die religiösen Gefühle der Gläubigen zu verletzen. Zahlreiche Nachdrucke in weiteren westlichen Zeitungen folgten unter Berufung auf die Meinungs- und Pressefreiheit. Doch beinhaltet diese auch das Recht, religiöse Empfindungen anderer Menschen zu verletzen? Umfasst sie gar das Recht auf Blasphemie?

Grenzenlose Pressefreiheit?

Roger Köppel (Die Welt) empfindet es - stellvertretend für viele seiner Kollegen - als gleichsam »grotesk ... , dass man sich in Gefahr bringt, wenn man für die Kernbestände unserer Kultur eintritt: das Recht auf freie Meinungsäußerung«, zu dem selbstredend auch »das Recht zur Blasphemie« gehöre. Bascha Mika (taz) sieht in dem Vorgehen der »Jyllands-Posten« zwar »ein Statement der Mehrheitsgesellschaft gegenüber der muslimischen Minderheit im Land, das durchaus rassistisch zu interpretieren ist«, bemerkt aber zugleich: »Wo Meinungs-, Presse- und Kunstfreiheit herrscht, ist nichts und niemand vor Satire sicher. Anstand und Respekt vor anderen Kulturen bedeutet nicht, ... deren religiöse Dogmen zu übernehmen.« Ähnlich argumentiert Bernd Graff (SZ): »Es mag angehen, dass eine Glaubensgemeinschaft ein Bilderverbot verhängt, und man muss dieser Glaubensgemeinschaft mit allem Nachdruck das Recht zubilligen, dann auch zutiefst verletzt zu sein, wenn ihr Bilderverbot missachtet wird. Dennoch wird man ein solches religiös verhängtes Bilderverbot nicht dann auch allen Teilen der Welt sofort aufzwingen können.« Gerade diesen Versuch des Zwangs kritisiert Henryk M. Broder (Spiegel online) ebenso wie die seiner Meinung nach vollkommen überzogene Reaktion der arabischen Welt. Diese erwecke den Anschein, »als wäre in einem Vorort von Kopenhagen ein zweites Abu Ghureib entdeckt worden«, und führe dazu, dass aus Angst, »dadurch einen Boykott auszulösen und den Absatz von Haribo-Gummibärchen und Melitta-Kaffeefiltern in Arabien zu gefährden«, kaum jemand wage, auf dem demokratischen Grundrecht der Pressefreiheit zu beharren. Dass das Einlenken der dänischen Regierung letztlich nur aufgrund des Drucks arabischer Staaten und nicht bereits als Folge der  nationalen Proteste geschah, kommt für Jörg Lau (Die Zeit) einem »diplomatischen Desaster« gleich, denn nun »dürfen sich ausgerechnet Staaten wie Saudi-Arabien, Ägypten und Syrien - die selbst die Meinungsfreiheit unterdrücken - als Anwälte europäischer Muslime gerieren«.  Dass diese sich durch die Darstellung Mohammeds verletzt fühlen, sei zwar grundsätzlich nachvollziehbar, doch - so Christian Geyer (FAZ) - »religiöse Fundamentalisten, die die Unterscheidung zwischen Satire und Gotteslästerung nicht respektieren, haben nicht nur mit Dänemark ein Problem, sondern mit der gesamten westlichen Welt ... Die Gläubigen des Propheten haben ein ganz einfaches Mittel, auf die Agenda der westlichen Karikaturisten Einfluß zu nehmen. Sie brauchen nur der Gewalt abzuschwören, die sie jetzt noch als einen religiösen Imperativ ausgeben.« Um die Aufdeckung dieses Umstands geht es den Karikaturisten laut NZZ nämlich: »Man beleidigt keinen Muslim, wenn man der Frage nachgeht, mit welcher Stichhaltigkeit die Kaida ihren Terror mit Versatzstücken aus der muslimischen Tradition rechtfertigt ... Politische Klugheit hätte es [jedoch] geboten, die westliche Sicht auf Mohammed in ernsthafterer Form zu behandeln und - um der Wahrung des Religionsfriedens willen - auf Leichtfertigkeit zu verzichten.« Nicht nur Leichtfertigkeit, sondern eine gezielte Kampagne der in seinen Augen rechtsreaktionären »Jyllands-Posten« vermutet Reinhard Wolff (taz), könne sich diese doch durch ihr Vorgehen »als vermeintliche Speerspitze der Pressefreiheit profilieren und die Proteste, die so erwartbar waren wie das 'Allah ist groß' in der Moschee, dann schnurstracks zu einem Angriff auf die Meinungsfreiheit umdeuten«. Da diese jedoch in ihrer Schärfe vollkommen überzogen seien, lassen sie »einer westlichen Öffentlichkeit nur die Wahl, im Zweifel für die Pressefreiheit einzutreten. Auch wenn dies angesichts der unappetitlichen Karikaturen schwer fällt.« Kritisch äußert sich auch Bernd Graff (SZ) zu deren künstlerischen Qualität: »Es sind schlechte Karikaturen ... auf dem Niveau von ambitionierten Schülerzeitungen.« Daher sei es umso erstaunlicher, dass Teile der arabischen Welt »in dem nach wie vor belanglosen Bilder-Geschmiere gleich die Erklärung eines Kulturkrieges wahrgenommen haben wollten«. Die scheinbare Willkür der Protestanlässe erinnert Burkhard Müller-Ulrich (Deutschlandfunk) an die Zeit vor nunmehr 17 Jahren: Da »befahl ein iranischer Ayatollah den Muslimen aller Welt, den englischen Schriftsteller Salman Rushdie zu töten, weil er ein lustiges Buch geschrieben hatte, in dem auch der Prophet Mohammed sanft verspottet wurde ... Jetzt ... sind es just jene zwölf Zeichnungen, die genauso wie einst Rushdies Roman als Anlass für eine Strategie globaler Eskalation dienen ... Denn hinter der scheinbaren Verrücktheit der arabischen Empörung ... steckt eine gigantische Propaganda-Maschine ... Die relative Beliebigkeit der Anlässe zeigt eben gerade, dass es den Islamisten einzig darum geht, den Kulturkampf auf die Spitze zu treiben ... Jetzt zielt der Druck auf die universelle Geltendmachung islamischer Werte und Regeln.« Vor allem wenn man sich vor Augen führe, dass etwa nach Meinung der panarabischen Zeitung Al-Sharq Al-Awsat die Angriffe auf den Islam »ein so gefährliches Ausmaß erreicht [hätten], dass sie im Rahmen des internationalen Rechts behandelt werden müssen", wird deutlich, was Bernd Graff (SZ) mit  einem »Kulturkrieg« meint, der »unter der Grasnarbe ausgetragen« wird: »eine[r] gut geölte[n] Entrüstungsmaschine, deren Einheizer nur auf geeignete Anlässe zu warten scheinen, um immer gleich mit aller Protesterregung reagieren zu können« stehen vollkommen »miserable Karikaturen« gegenüber: »Man fühlt sich an die Mär von den '99 Luftballons' erinnert. Nichtiger Anlass - große Wirkung. Es gilt also, zivilsationsempathisch abzurüsten. Auf beiden Seiten.«

sr